Gute Absicht

Wenn wir unsere Umgebung betrachten, springt ins Auge, dass wir von «guten Absichten» geradezu umstellt sind. Es kommt aber auf die guten Absichten allein nicht an; sie müssen begleitet sein von dem Vermögen, sie zu realisieren. Das Hegen guter Absichten ist eine äußerst anspruchslose Geistestätigkeit. Mit dem Entwerfen von Plänen zur Realisierung der hehren Ziele sieht es anders aus. Dafür braucht man Intelligenz. Die Hochschätzung der guten Absichten allein ist keineswegs ange­bracht, im Gegenteil!

Meines Erachtens ist die Frage offen, ob «gute Absichten + Dummheit» oder «schlechte Absichten + Intelligenz» mehr Un­heil in die Welt gebracht haben. Denn Leute mit guten Absich­ten haben gewöhnlich nur geringe Hemmungen, die Realisie­rung ihrer Ziele in Angriff zu nehmen. Auf diese Weise wird Unvermögen, welches sonst verborgen bliebe, gefährlich, und am Ende steht dann der erstaunt-verzweifelte Ausruf: «Das ha­ben wir nicht gewollt!»

Ist es nicht oft gerade das Bewusstsein der «guten Absichten», welches noch die fragwürdigsten Mittel heiligt? Den Leuten mit den «guten Absichten» fehlt auf jeden Fall das schlechte Gewis­sen, welches ihre Mitmenschen mit den schlechteren Absichten vielleicht doch manchmal ein wenig am Handeln hindert. Es ist oft gesagt, aber selten gehört worden, dass der abstrakte Wunsch, allen Menschen das Paradies zu bereiten, der beste Weg zur Er­zeugung einer konkreten Hölle ist. Das hängt mit den «guten Absichten», die auch ohne jede Kompetenz zum Handeln an­treiben, eng zusammen. (Denn das Gute muss man natürlich durchsetzen, koste es, was es wolle!)

Quelle: Dörner Dietrich, Die Logik des Misslingens, rororo 2003, S.15-16

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